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Wie wir uns für eine offene Plattform einsetzen

04. November 2022 in Backstage

Jeden Tag werden rund 25.000 neue Motive auf unseren Plattformen hochgeladen. Die große Mehrheit von ihnen trägt positive Botschaften in die Welt, unterstützt einen offenen Diskurs und bietet Kunden die Möglichkeit individuelle Fashion- und Lifestyleprodukte zu gestalten. Mit allen anderen Motiven beschäftigt sich innerhalb der Spread Group ein Content Specialist Team rund um Hannes Döring, Director Asset Management: Was ist noch vertretbar? Wo werden die Grenzen überschritten? Wir haben mit ihm über die Bedeutung des Kontextes und den Wert eines diversen Teams für Designprüfungen gesprochen.

Spread Group: Dein Team und du, ihr prüft Designs, die euch u. a. als Verstöße gegen unsere Community Standards gemeldet wurden. Wie geht ihr dabei vor?

Hannes Döring: Auffällige Motive werden uns vor allem über unsere Design-Melde-Funktion von unserer Community gemeldet. Durch sie können wir auf ein noch breiteres länderspezifisches Wissen zurückgreifen, da jedes Land seine eigenen Gesetze, Symbole und Zeichen hat, die regional unterschiedlich interpretiert und genutzt werden. Diese von der Community gemeldeten Motive werden von meinem Team geprüft, bleiben während der Prüfung aber zunächst online, denn es gilt die Unschuldsvermutung. Wie bei vielen anderen Plattform-Anwendungen auch, setzen wir auf das “Viele-Augen-Prinzip” als unseren Prüfstandard. Unser Team arbeitet sich stetig in aktuelle politische oder gesellschaftliche Themen ein und führt mit diesem Hintergrundwissen auch proaktiv Plattformscans durch. Durch auf KI-basierte und menschliche Filter schaffen wir es, dass z. B. gewaltverherrlichende Inhalte oft innerhalb von Minuten wieder von unseren Plattformen verschwinden.

Spread Group: Lass uns gern auf den Punkt des Hintergrundwissens noch näher eingehen. Es wird einige Motive geben, die sehr klar als Rechtsverletzung zu identifizieren sind und andere, bei denen erst der Kontext zur Grenzüberschreitung führt. Wie geht ihr damit im Team um?

Hannes Döring: Wir bilden uns permanent weiter und informieren uns über Medien und Portale, aber auch über Experten und Expertinnen, wie die Amadeu Antonio Stiftung, HateAid und z.B. das Kulturbüro Sachsen. Als Team haben wir regelmäßige Meetings und diskutieren Positionen zu gesellschaftlichen Kontroversen. Dabei ist es uns wichtig, persönliche Befindlichkeiten oder Geschmacksfragen außen vorzulassen. Letzteres trifft häufiger bei Motiven des schwarzen Humors auf.
Um es konkreter zu machen: Wir haben aufgrund der Debatte in den USA das Thema „Recht auf Abtreibung“ wieder auf den Tisch gelegt, lange diskutiert und abgewägt. Das Ergebnis: Es widerspricht nicht unseren Community-Standards, für ein Abtreibungsverbot zu sein. Allerdings muss diese Haltung eine gewisse Form wahren. Explizite Fotos gehören für uns nicht dazu, da sie die Gefühle anderer verletzen können.
In regelmäßigen Abständen nehmen wir uns unsere Entscheidungen wieder vor und prüfen, ob sie unter den aktuellen Gegebenheiten noch zutreffen. Ein Beispiel dafür ist das Wort „Querdenken“, was lange Zeit unbedenklich war und durch die politische Bewegung in eine Richtung gesetzt wurde, in der unser fünfter Community-Standard (schädigende, irreführende Inhalte unterstützend) klar verletzt wird. Es ist aber möglich, dass sich diese Bedeutungsebene wieder wandeln wird und wir den Begriff neutral verwenden werden.

Spread Group: Für welche Themen holt ihr euch externe Experten und Expertinnen hinzu?

Hannes Döring: Das variiert stark. In der Regel kommt mein Team auf mich zu und wünscht sich ein vertieftes Wissen zu Themen, die gerade vermehrt gemeldet werden. Vor Kurzem hatten wir beispielsweise zwei mehrtägige Workshops über „Sexismus“ und ein anderes Mal über „Runen und Neopaganismus“.
So haben wir im Sexismus-Workshop mit dem Educat Kollektiv gelernt, dass Sexismus auf vier Ebenen stattfindet: Sexismus auf der strukturellen, der institutionellen, der individuellen und der medialen/diskursiven Ebene. Sexismus ist dabei häufig eine Mischung aus diesen vier Formen. Anhand von konkreten Design-Beispielen haben wir das Erlernte gleich in unsere Alltagspraxis überführt: Wie würden wir jetzt die Designs (neu-)beurteilen? Können wir sie klarer identifizieren?
Im zweiten Workshop mit dem Kulturbüro Sachsen haben wir uns über Begriffe wie Runen, Germanen und Wikinger, ausgetauscht und erörtert, worin ihre Attraktivität heutzutage liegt. So gibt es in Reenactment-Gruppen, „germanischen“ Dörfern und Esoterikkreisen immer wieder nationalistische, rassistische und völkische Tendenzen, welche sich gern der Runen-Schriftzeichen bedienen. Runen finden sich aber auch in Kontexten wieder, wie in der Metal-Szene. Es kommt also immer auf den Einzelfall und den Kontext an. Mithilfe der Workshops besitzen wir heute eine viel größere Sicherheit für unsere Designprüfungen in diesen Themenbereichen.

Spread Group: Du sprichst hier von Einzelfallprüfung. Das heißt, dass ihr wirklich von Fall zu Fall eure Entscheidungen trefft?

Hannes Döring: Ich komme auf mein Beispiel vom Anfang zurück, das Recht auf Abtreibung. Wir lassen, wie gesagt, die Pro- und die Contra-Seite bei diesen Motiven auf unseren Plattformen zu. Sollte aber die Symbolik oder Bildauswahl verletzend sein, müssen diese Motive natürlich dauerhaft gelöscht werden. Deswegen kommt man bei solchen Grenzbereichen gar nicht darum herum, die Motive nochmals einzeln durch ein breit aufgestelltes, diverses Team prüfen zu lassen.

Spread Group: Vielen Dank für den Einblick in eure Arbeit, Hannes.

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